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Christoph Becker

Notizen/Künstliche Intelligenz

Fünf Missverständnisse über KI

Objektivität, Überlegenheit, Kreativität, Weltherrschaft, Arbeitsplätze — was an den gängigen Annahmen dran ist und was nicht.

Immer wieder begegnen mir dieselben Missverständnisse über künstliche Intelligenz. Das ist nachvollziehbar: In der breiten öffentlichen Diskussion ist das Thema erst seit rund zehn Jahren präsent.

1. KI ist objektiv

KI-Modelle sind keine von Menschen geschriebenen Regelsysteme — trainiert wurden sie aber von Menschen. Die Auswahl der Trainingsdaten und die erwarteten Ergebnisse stammen von uns und sind damit subjektiv.

Durch geeignete Verfahren lässt sich dieser Bias verringern, vollständig objektiv wird es vermutlich nie. Kulturelle und sprachliche Einflüsse sind praktisch nicht auszuräumen. Im Kern geht es hier um Nichtdiskriminierung und um Datenqualität beim Training.

2. KI löst Aufgaben besser als ein Mensch

Jein — es kommt auf die Aufgabe an.

Fehler, die sich beim Training einschleichen, sind später systematisch im Ergebnis enthalten. Dazu kommt: Ein Modell kennt nur, was es kennt. Völlig unbekannte Probleme kann es nicht oder nur schlecht lösen, denn sein Abstraktionsvermögen ist begrenzt. Je mehr Wissen für eine Aufgabe nötig ist, desto komplexer werden Training und Vorbereitung.

Umgekehrt gilt: Je einfacher und überschaubarer eine Aufgabe ist, desto wahrscheinlicher erledigt eine Maschine sie schneller und fehlerfreier als ein Mensch.

3. Generative KI ersetzt kreative Arbeit

Nein. Generative Modelle sind sehr gut darin, bekanntes Wissen neu zusammenzustellen. Originär Neues entsteht dabei nach meiner Einschätzung nicht.

Unterstellt man KI eigene Kreativität, müsste sie ohne Menschen Dinge hervorbringen können. Praktisch geben aber Menschen vor, was erwartet wird, und der Trainingsinput stammt ebenfalls von Menschen. Die Kreativität bewegt sich damit innerhalb der Grenzen des Menschenmöglichen.

Naheliegender Einwand: Wenn KI Texte erzeugen kann, könnte sie sich doch selbst trainieren? Kann sie. Es wird nur nicht besser, wie mehrere Studien zeigen.

4. KI wird die Menschheit vernichten

Erst einmal nicht.

Man unterscheidet zwischen schwacher und starker KI. Schwache KI besitzt keine Kreativität und keine Lernfähigkeit im klassischen Sinn — sie kann sich Wissen nicht methodisch selbst aneignen. Das ist die KI, die wir haben.

Starke KI wäre das, was Filme zeigen: ein System, das sich selbstständig neue Fähigkeiten beibringt, kreativ ist und Aufgabenstellungen selbst erkennt, definiert und löst. Ihre Eigenschaften wären Wahrnehmen, Konzeptualisieren, Probleme erkennen, Lösungen entwickeln, Lernen, Sprache und Bewegung. Eine solche KI ist derzeit nicht absehbar.

5. KI vernichtet bald viele Arbeitsplätze

Ich würde sagen: KI verändert Arbeit.

Denk- und Wissensarbeit, die heute monoton ist und einfachen Regeln folgt, wird künftig ersetzbar sein. Ob sich das im Einzelfall rechnet, ist eine andere Frage.

Der Vergleich zur Industrialisierung liegt nahe: Sie hat körperliche Arbeit in ungeahntem Maß überflüssig gemacht. Erst war der Mensch die Maschine, dann bediente er sie. Heute wird viel mit dem Kopf gearbeitet — Sachbearbeitung in Behörden, Erstattungen bei Versicherungen. Diese Arbeit folgt oft einem erlernbaren Regelwerk mit überschaubarem Wissensumfang und ist damit gut geeignet für Automatisierung.

Solche Arbeitsplätze werden sich verändern, manche fallen weg. Aber es wird keinen Knall geben, sondern einen Prozess über Jahre und Jahrzehnte. Und man sollte nicht vergessen, dass dem demografischen Wandel in der westlichen Welt praktisch nur technologisch zu begegnen ist.

Bis dahin muss KI erst noch zeigen, dass die versprochenen Produktivitätsgewinne in diesem Umfang überhaupt eintreten.

Steckt bei Ihnen gerade genau das? Ich arbeite damit beruflich.

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